Chronic der Narrenzunft

Als sich zu Beginn des Jahres 1953 Josef Müller, Alois Wiedemann, Edmund Lehn und Heinrich Heiler (Küfer) in Heiler´s altdeutscher Weinstube, besser bekannt als s´Kiefers, bei ihrem alltäglichen Viertele vornahmen, den bevorstehenden Fasnachtsumzug in Kirrlach durch Ihre Teilnahme zu bereichern, konnte sicher kein Mensch erahnen, dass aus dieser Schnapsidee einmal der älteste heute noch bestehende Fasnachtsverein Kirrlachs entstehen würde.

Was lag angesichts des Geburtsortes und des Berufes einer der Geburtshelfer des Vereins näher, als sich am Umzugstag ein Holzfass um den Bauch zu hängen und damit durch die Straßen zu ziehen. Ranzengarde nannte sich das Quartett damals, wenngleich die Kostüme mit den dicken Bäuchen, für die der Verein später dann überregional bekannt wurde, erst 1956 Einzug fanden. Dieser Wechsel sollte jedoch nicht der letzte sein und bis in die 90er Jahre des letzten Jahrtausends legte man sich in regelmäßigen Abständen neue Kostüme zu. Darunter fanden sich etwa Affen, Athleten, Schlafwandler oder auch Piraten – natürlich wenn möglich mit Ranzen.

So beteiligte man sich an den jährlichen Kirrlacher Fasnachtsumzügen und bald darauf auch in denen der Nachbargemeinden. Dies offensichtlich mit großem Erfolg, denn die Mitgliederzahl stieg zusehends. Lange war die Ranzengarde dabei eine zwar gefestigte aber nicht formell dem Vereinsrecht unterworfene Gruppe von freundschaftlich verbundenen Kirrlachern, die auch außerhalb der Fasnacht viel gemeinsam unternahmen, und erst im Jahre 1976 beschloss man eine Vereinssatzung und die Eintragung in das öffentliche Vereinsregister. In den 80er Jahren plagte die Ranzengarde Nachwuchssorgen, wie so viele andere Vereine auch. Die Mitglieder der ersten Generation zogen sich nach und nach aus der Aktivität zurück, mit dem Wegfall der Fasnachtsumzüge in Kirrlach seit den 60er Jahren hatte man praktisch keine Möglichkeit mehr, sich dem heimischen Publikum im Kostüm zu zeigen und ohnehin schien der Jugend die Teilnahme an Faschingsumzügen in der bisherigen Form nicht mehr attraktiv genug.

1994 gründete man dann eine Guggemusikgruppe, die schnell Zulauf fand und bald auch Auftritte außerhalb der Umzüge verbuchen konnte. Leider zerbrach die Formation bereits sieben Jahre später aufgrund interner Meinungsverschiedenheiten und ein Großteil der Musiker verließ den Verein. Mitglieder anderer Gruppen innerhalb des Vereins zogen sich zeitgleich in die Passivität zurück.

Im Bereich der aktiven Mitglieder verblieben nun allein die Schellen, ein Kostüm nach schwäbisch-alemannischem Vorbild, das bereits seit 1968 Einzug gefunden hatte, über die Jahre hinweg jedoch nur vereinzelt im Umzugstross der Ranzengarde aufgetaucht war und seine Renaissance dann ab Mitte der 90er erlebt hatte.

Trotz der Turbulenzen kurz vor dem 50-jährigen Bestehen schaffte es die neue Mannschaft, im November 2003 eine glanzvolle Jubiläumsfeier auf die Beine zu stellen, die nicht zuletzt zur Akzeptanz des neuen Weges beitrug.

Heute zeigt sich der Verein auf den Umzügen allein im Schellenkostüm. Die schwäbisch-alemannische Fasnacht erlebt mehr und mehr auch im ansonsten rheinisch-pfälzisch geprägten Nordbaden einen Aufschwung und nicht ohne Stolz registriert die Vereinsverwaltung, dass man mit der Wiederbelebung einer nunmehr über 35 Jahre alten Narrenfigur den Verein nicht nur gerettet, sondern ihm eine Tradition aber gleichzeitig auch eine zukunftsweisende Richtung gegeben hat.

Dieser Wendung hat die Mitgliederversammlung im November 2004 Rechnung getragen und den Vereinsnamen geändert in Narrenzunft Kirrlach e.V.. Gleichzeitig wurde ein neues Vereinslogo beschlossen. Das Missverhältnis zwischen dem Namen Ranzengarde und dem, was der Verein heute nach außen verkörpert, wurde damit beseitigt, so die Meinung aller aktiven Mitglieder.

Die Entwicklung des Vereins und auch die Lage der Stadt Waghäusel in einem eher rheinisch geprägten Gebiet sind die Gründe dafür, dass der Verein nach über 35 Jahren schwäbisch-alemannischer Tradition eine vergleichsweise kleine Gruppe von ca. 30 Aktiven hat. Die Idee zum schwäbisch-alemannischen Häs kam 1968 über den Bruder des seinerzeitigen Vereinsvorstandes, der in der Gegend um Rottweil verheiratet war.

Trotz der eher überschaubaren Mitgliederzahl entschloss man sich im Jahr 2008 den ersten Narrensprung durchzuführen. Unterstützt vom tollen Wetter und der hervorragenden Organisation durch das Orga-Team Marco De Benedetti, Marco Fehling, Rainer Wagner und Jürgen Muhs wurde er mit mehr als 70 Fußgruppen und (amtlich) geschätzten 15.000 Besucher ein voller Erfolg. Dies veranlasste die Vereinsführung auch weiterhin im zwei-Jahres-Rhythmus einen Narrensprung zu veranstalten.

Der Kirrlacher Narrensprung hat sich -trotz der räumlichen Nähe zum Rheinischen Karneval- in der Szene der Schwäbisch-Alemannischen-Fasnet etabliert. Aus dem gesamten Verbreitungsgebiet der Alemannischen Fasnet bis hin zum benachbarten Ausland wie bspw. der Schweiz nehmen mittlerweile Häser, Glattlarven, Wölfe, Hexen und Guggemusiker an dem Närrischen Spektakel teil. Nicht ohne Stolz, und in der heutige Zeit wahrlich nicht selbstversändlich, konnte bisher die Polizei „Keine Vorkommnisse“ vermelden.

Bereits 2001 befasste sich die damalige Verwaltung mit der Frage nach einer zweiten Narrenfigur, denn es hatte sich gezeigt, dass Einigen der Schellnarr zu aufwändig und im Auftreten bei den Umzügen auch zu „brav“ daher kam. Erster Gedanke war die Kreation einer Hexe. Mit dem alten Kirrlacher Begriff „Erlenteich-Hexe“ hatte man auch einen örtlichen Bezug. Am Ende kam es nicht zustande. Dennoch, der Wunsch blieb, aber die Figur sollte etwas „Besonderes“ sein. Alle Figuren, die man mit Kirrlach in Verbindung bringt, waren bereits durch andere Fasenachtsvereine vereinnahmt – mit Ausnahme der Schlapp in ihrer klassischen Form.

Wie aber eine rußgeschwärzte, mit allerlei Lumpen behangene Gestalt in die schwäbisch-alemannische Form bringen? Dazu möglichst einfach herstellbar, kostenmäßig unterhalb des Schellnarren zu bleiben und dennoch interessant (insbesondere für junge Leute) zu machen. Man ging also ans Werk mit Vorlagen, ersten zeichnerischen Entwürfen und schließlich am Modell. In Lumpen gekleidet wird man in der schwäbisch-alemannischen Fasenacht nicht daher kommen können, und eine Holz-Maske ist Pflicht. Es bleiben also das schwarze Gesicht und der Vorhangstoff als die zentralen Elemente der frühen Kirrlacher Straßenfasenacht. Dies nun in die Form eines „Fransen-Narren“ gebracht und die Kirrlacher sowie die Badischen Farben integriert führt nun schließlich nach vielen Tagen des Probierens und wieder Verwerfens zur  „Kerrlocher Schlapp“ der Narrenzunft.  Mit Erfolg: Insbesondere bei jungen Leuten ist die Figur beliebt. Die aktuellen Bestellzahlen bestätigen damit die entscheidung für eine zweite Figur.